Sonntag, 11. Mai 2014

Der heisse GP von Bern und ein kalter Longrun

Der GP von Bern ist die grösste Laufveranstaltung der Schweiz. Der 10 Meilen Lauf 10 Meilen bzw. vier "Wegstunden" vor unserer Haustüre kann einen neuen Anmelderekord von 32'000 Läufern verzeichnen und ist traditionell das Hauptsaisonziel der lätti runners. Praktisch die ganze Laufgruppe ist mit dabei. Beim gemeinsamen Training am Mittwoch reut es mich, dass es keine Nachmeldemöglichkeit gibt. Als eine Kollegin am Freitag Nachmittag per Facebook ihre Startnummer vergeben möchte, will ich mir die Gelegenheit "die schönsten 10 Meilen der Welt" zu laufen, nicht entgehen lassen.

So bin ich am Samstag Nachmittag beim Lauffest in Bern dabei und stehe eine Woche nach dem Halbmarathon von Vännäs erneut an einer Startlinie. Nach einem Mini-Feld von 130 Läufern diesmal in einem 31'506-Tausend-Füssler!



Km 1 - Eine ganze Stunde verstreicht nach dem Startschuss für die Elite-Frauen, bis die Läufer aus Block 30 die Startlinie passiert haben. Um 16:26 Uhr fällt der Startschuss für Block 17. Als ob es Langstreckenrennen auf der Startgerade zu gewinnen gäbe, wird losgestürmt. Auf der Platanen-Allee der Papiermühlestrasse versuchen wir es locker zu nehmen. 



Am Aargauerstalden wird die Euphorie automatisch gebremst. Die Strecke ist bereits für die Rückkehr der Elite zweigeteilt worden. Bald wird die Stadt von einem ununterbrochenen Läuferstrom umringt sein! Es wird eng, und es fällt uns schwer, auf der Rampe zum Bärengraben hinunter etwas Gratis-Schwung mitzunehmen.  

Km 2 - Beim alten Gehege der Berner Wappentiere biegen wir auf die Nydeggbrücke ein. Sogleich folgt die Gegensteigung in die Altstadt von Bern hoch, die seit 1983 auf der UNESCO Weltkulturerbe-Liste steht. Der GP kommt mit seinem anspruchsvollen Profil annähernd einer Halbmarathon-Belastung gleich. Geduld ist ein Muss! 

Das Traumziel meiner drei Mitläuferinnen ist heute schneller als 1:29:59 Stunden zu laufen. Wir wollen das Experiment wagen, obwohl der Wetterbericht nicht Wort gehalten hat. Statt der versprochenen Bewölkung hängt die Sonne stechend am Himmel und brennt schonungslos auf uns nieder, als wir die festlich beflaggten Pflasterstein-Gassen der Altstadt hinan traben. Bis Kilometer 5 soll ich vor allem bremsen. Nur eine Woche nach dem Halbmarathon habe ich jedoch den Eindruck, mächtig Gas geben zu müssen, um die gewünschte Pace laufen zu können. 




Justitia auf dem Gerechtigkeitsbrunnen in der Gerechtigkeitsgasse.


Simsonbrunnen in der Kramgasse, der Zytglogge-Turm kommt in Sicht.


"Jitz ds Rohr uf" - jetzt Gas geben - heisst es auf dem 2. Kilometerschild. Das begeisterte Publikum trägt uns vorbei am Zähringerbrunnen, welcher dem Berner Stadtgründer Berchtold V. von Zähringen gewidmet ist und um die Kurve beim berühmten Zytglogge, der neben der Turmuhr ein Glockenspiel und eine astronomische Kalender-Uhr beherbergt. 

Km 3 - Dankbar über den Schatten biegen wir in die Postgasse ein. Die Strecke hat bis zur Aare hinunter ein ansehnliches Gefälle, und wir laufen unseren schnellsten Kilometer.




Auf dem Nydeggstalden rast die Meute auf buckligen Pflastersteinen abwärts, die Nydeggkirche grüsst mit ihrem schlanken Kirchturm, und in der Matte gilt es, das Tempo nicht mitzunehmen und einen vernünftigen Rhythmus zu finden.


Km 4 - Beim Schwellenmätteli geht das Rennen also erst richtig los. Die filigrane Eisenkonstruktion der Kirchenfeldbrücke schwingt sich mit zwei eleganten Bögen über die grün schimmernde Aare. Wir laufen direkt der Sonne entgegen, und das schwül warme Westwind-Wetter lässt unsere Köpfe glühen. Doch wir sind auf Kurs, und treffen die für flache Partien vereinbarte 5:30er Pace.


Km 5 - Im Marzili, dem Quartier direkt unterhalb des Bundeshauses, wo sich auch das gleichnamige Freibad - eines der meist besuchten Bäder der Schweiz befindet, dürfen wir eine willkommene Abkühlung geniessen und ein paar hundert Meter im Schatten laufen. Die 5 Kilometer-Marke passieren wir nur ein paar wenige Sekunden langsamer als geplant.



Km 6 - Auf dem Weg zur Dalmazibrücke bieten Fränzis Schmerzen in Wade oder Achillessehne Grund zur Diskussion. Wir bestärken sie darin, den Lauf abzubrechen. Und wir Übriggebliebenen gehen ebenfalls über die Bücher. Lohnt es sich wirklich an diesem heissen Tag an einem Zeitziel festzuhalten? Die zum Teil uralten Bestzeiten sind sowieso ausser Reichweite.


Km 7 - Auf dem Uferweg der Aare entgegen läuft es immer zäh, auch an guten und kühlen Tagen. Die Hälfte ist noch nicht geschafft, die Tierpark-Steigung naht, und die Monbijoubrücke, auf der wir den 11. Kilometer zurücklegen werden, macht deutlich, dass es nun ans "Klettern" geht! 




Km 8 - Als wir in den grünen Tunnel des gepflasterten Tierparkwegs einbiegen und die 11% Steigung bietende Rampe hinan trippeln, haben wir ausgemacht, den Rest dieses GPs "gemütlich" anzugehen, die schönsten 10 Meilen der Welt zu geniessen und gemeinsam ins Ziel zu laufen.

"Psst Tierpark" hatte Kilometerschild Nr. 7. gemahnt. Ja, die Läufer sind ganz still und gehen ganz im Bewältigen des Anstieges auf. Beim Vivarium sind die Vögel zu hören, die Wisente verbergen sich jedoch gut in ihrem grossen Gehege vor der aussergewöhnlich grossen Besucherschar, und wir tauchen in das meist stille Grün des Dählhölzliwaldes ein. 


Arlette fällt auf, dass sie auf diesem anspruchsvollen Abschnitt auf ihrem PB-Lauf letztes Jahr weder Musikanten noch Zuschauer wahrgenommen hatte. Im Schatten zu laufen ist eine Wohltat, und doch scheint der Wald heute nicht enden zu wollen!


Lachen können wir trotzdem! Wir lassen uns vom leidenschaftlichen Publikum anstecken - ja und wir erholen uns im Schatten der Bäume tatsächlich eine Spur von der Hitze. 




Km 9 - Beim Seilpark endet die Steigung. Wir laufen nun im Schlepptau der 1:30er Pacemaker - leider sind es jene aus dem zwei Minuten nach uns gestarteten Block ...
Ab dem Thunplatz, der ein Zuschauermagnet ist, können wir die Beine wieder rollen lassen, und auf der Kirchenfeldstrasse gibt es noch eine Weile Schatten. Aus der Stille tauchen wir wieder ein ins Volksfest am Strassenrand. Die Steelbandklänge passen besonders gut zur drückend heissen sommerlichen Witterung.





Km 10 - Beim Abstecher ins Kirchenfeld, dem Botschaftsviertel, können wir unseren gewaltigen Durst löschen. Und die 10-Kilometer-Zeit überrascht uns positiv: 57:46 Minuten - unser unterwegs Sein hatte sich eher nach einer über einstündigen Odyssee angefühlt.





Km 11 - Auf der Monbijou-Brücke geht es mit Seitenblick aufs Bundeshaus immer geradeaus, der Sonne und dem Gegenwind entgegen. Auf dem 13. Kilometer werden wir am Regierungs- und Parlamentssitz der Schweizerischen Eidgenossenschaft vorbeilaufen. Zuerst wartet noch ein Linksschwenker ins Quartier. Ja, wir sind schon ziemlich müde! Die Hitze und der rasant fallende Luftdruck fordern ihren Tribut und treiben den Puls in astronomische Höhen.




Km 12 - Ein paar Abwärts-Meter sind uns auf der Eigerstrasse gegönnt, schon folgt der nächste harte Abschnitt, der uns über Sulgenrain und Sulgeneckstrasse zur Innenstadt hoch bringen wird. 





Die Unterstützung des Publikums ist fantastisch, wenn uns auch die KM12 Fahne einen Moment in die Irre führt und uns glauben lässt, wir hätten den Anstieg besonders flink bewältigt. 


Km 13 - Bald ist es geschafft! Wir sind froh, dass Wasser und etwas Salz ausreichen unsere Hitze-Qualen zu lindern. Am Verpflegungsstand verlieren wir einander kurz aus den Augen. Die römisch-katholische Dreifaltigkeitskirche und der Park bei der kleinen Schanze markieren das Ende dieses Aufstiegs. Oben angekommen finden wir durch eine kleine Warteschlaufe in der Kurve alle wieder zusammen.




Vom Berna-Brunnen grüsst Berna mit der Lanze in der rechten und dem Bernerwappen in der linken Hand. Diese Frauengestalt symbolisiert Stadt und Kanton Bern, so wie Helvetia auf dem Giebel des Bundeshauses den schweizerischen Bundesstaat personifiziert.



Auf dem Bundesplatz hätte ich Lust einen Abstecher durch das Wasserspiel mit seinen 26 Fontänen zu unternehmen. Doch der Kurs ist vorgegeben, wie bei Staatsempfängen werden wir über einen ausgerollten Teppich geleitet. Unserer ist nicht rot, sondern blau wie der Sommerhimmel. Hier dürfen wir Vorschuss-Lorbeeren ernten und werden bereits wie Sieger gefeiert.  




Km 14 - Nochmals Gas geben - wir bemühen uns! Im Fahnenmeer der Herrengasse abwärts dem Münster entgegen fällt das nicht schwer. 



Wegen Dauer-Renovation ist die grösste und wichtigste spätmittelalterliche Kirche der Schweiz nie gänzlich unverhüllt zu bewundern. 


Die Münstergasse hinan heisst es kämpfen und wir fragen uns, warum wir uns den fordernden GP immer wieder antun. Die tolle Kulisse und die unterstützende Atmosphäre geben die Antwort. Schnell einen Blick auf den weltbekannten Zytglogge werfen, um den sich zu jeder vollen Stunde grosse Touristentrauben scharen. Er war früher die Hauptuhr der Stadt. Von hier aus wurden die Wegstunden gemessen, die auf den Stundensteinen der Hauptstrassen eingemeisselt sind (bei Schrittempo benötigte ein Reisender 12-15 Minuten pro Kilomter, legte also 4-5 km pro Stunde zurück). 


Glücklicherweise liegt keine ganze Laufstunde mehr vor uns! Und im Schritttempo sind wir auch nicht unterwegs! Wo es zu Beginn des Laufes auf der Hauptachse der Altstadt aufwärts ging, können wir es nun etwa einen Kilometer lang rollen lassen - so gut das mit müden, glühend heissgelaufenen Muskeln noch geht. Die Pflasterstein-Strecke durch die Berner Altstadt hat mir bei meinem Bestzeiten-GP 2004 den heftigsten Muskelkater meiner ganzen bisherigen Laufkarriere beschert!




Ich bin nicht die einzige, die eine Hand voll Wasser aus dem Kreuzgassbrunnen schöpft. Ah, tut das gut Kopf und Nacken zu kühlen! 


Km 15 - Kühlen, trinken, tief durchatmen - nach der Altstadt und der Nydeggbrücke folgt die Schlüsselpartie des GPs, der Aargauerstalden.




50 Höhenmeter türmen sich auf dem zweitletzten Kilometer vor uns auf. Die müden Beine lassen diese erscheinen wie einen Berg. Die Zuschauer geben ihr Bestes, unsere Blicke kleben dennoch meist am Boden. Wir haben keine Augen für die zauberhafte Aussicht über die Altstadt, die sich auf einem Hügel über die Aare-Schlinge erhebt.



Km 16 "Hü jitz" - Hopp jetzt - leichter gesagt als getan! Die Steigung ist nach dem Aargauerstalden noch nicht zu Ende! Dem Rosengarten folgend, führt die Strecke weiterhin sanft aufwärts. Ein Bogen markiert den letzten Kilometer. Wir warten noch mit dem Endspurt, bis Lisa nach der Klettertour zu uns aufgeschlossen hat und es unter einer schattigen Allee dem Pferdesportzentrum entlang abwärts geht. 



Endlich schimmern die Gebäude des Messegeländes durch die Bäume, die Speakerin ist zu hören, das Riesenrad kommt in Sicht. Wir fassen uns bei den Händen und laufen ziemlich "bien cuit" ins Ziel. 


Im Ziel sind wir vor allem erleichtert, es bei diesen schwierigen Umständen geschafft zu haben, schnappen uns Bananen aus dem 6-Tonnen-Berg dieser Südfrüchte, fassen Rivella und den goldgelben Isostar Bidon. Deziliterweise verschwindet die Flüssigkeit in unseren durstigen Kehlen. Unglaublich, wie die Sonne auch um 18 Uhr noch brennt. 


Zurück beim Treffpunkt warten schon die Jüngeren und Schnelleren der Gruppe. Trotz Wärme gibt es ein paar neue Bestzeiten zu feiern. Und mit etwas Verspätung überfällt uns doch das Glücksgefühl Finisher zu sein.


Darin bestärken uns auch das dicke Lob, die guten Wünsche und der lustige Berndeutschkurs auf der Trinkflasche:

Bärnestark
Gratuliere
Weltklasse
Top Leistung
Ganz schön gerannt
Toller Lauf gewesen
Genug beeilt und fertig geschnauft
Im Ziel und gut drauf
Jetzt trinken
Erhol dich gut
Komm gut nach Hause
Schön warst du dabei
Bis nächstes Jahr
Einen windstillen Abend
Und schlaf dann gut

Die 10 Meilen von Bern sind wirklich einzigartig - wir werden wiederkommen - bestimmt!

16.0975 km 1:36:35 Stunden / 6:00 Min./km /Puls 157
+/- 150 hm / 24°schön, schwülheiss, leichter WSW Wind
Track http://connect.garmin.com/activity/496750997

Der letzte Wunsch wirkt nicht, ich schlafe aussergewöhnlich schlecht. Mein ganzer Körper glühlt, das Herz pocht viel zu schnell, und ich sehe unsere "Felle davonschwimmen". Der geplante Longrun wird am Sonntag nicht möglich sein ...

Nach 24 Stunden Ruhe kommt doch Lust auf, die Laufschuhe zu schnüren, obwohl draussen der Westwind-Sturm tobt und es in Strömen regnet. Ich gebe mir 5 - 10 Kilometer. Dick eingemummt laufen wir eine Schlinge, die mir erlauben würde, schnell wieder nach Hause zurückzukehren.
Doch meinem Kreislauf gefällt das kühle Wetter, und die Beine haben ausser über ein bisschen Müdigkeit nach fünf Kilometern nichts zu klagen. So lassen wir uns vom Wind ostwärts schieben.

Die Schauer lassen nach, am westlichen Horizont ist schon der blaue Himmel zu sehen. Nach 10 Kilometern verlassen wir unsere Longrunstrecke und nehmen in Jegenstorf den Radweg Richtung Olten. In Zauggenried finden wir den Wanderweg, der malerisch dem Flüsschen Urtenen (18 Kilometer langer Nebenfluss der Emme) entlang führt. 


Mittlerweile haben wir 10 Meilen zurückgelegt (heute in 1:32:14 Stunden mit nur 131 Durchschnitts-Puls!?). Auf dem Wanderweg steht Bätterkinden 2 Stunden - das wäre doch ein schönes Ziel - es muss etwa acht Kilometer weg sein.

Mittlerweile ist die Sonne hervorgekommen, der Wind weht nun von der Seite. In seiner Strömung vollführen die Schwalben dicht über der Böschung und dem Wasser atemberaubende Flugmanöver. Ein Graureiher fliegt auf, das intensive Licht leuchtet magisch durch die Blätterkrone einer uralten Eiche und eine Stockenten-Mutter paddelt mit vielen flaumigen Küken gegen die Strömung an.


Der Wanderweg führt uns schliesslich auf den Uferweg an der Emme. Wie in einem Tunnel traben wir durch den dichten Wald und landen einen knappen Kilometer vom Bahnhof Bätterkinden weg wieder in der Zivilisation. Es rollt bis zum Schluss überraschend gut. Dass wir an diesem Wochenende einen ganzen Marathon laufen werden, hätte ich gestern niemals gedacht!

Am Bahnhof wartet das "Taxi". Unsere Tochter hat letzte Woche den Führerschein gemacht und sammelt nun gerne ein paar Erfahrungs-Kilometer.


25.3 km Longrun 5:43 Min./km / Puls 133
+ 85 hm / - 145 hm / 12° Regen bis Sonne, starker WSW Wind
Track http://connect.garmin.com/activity/497543491

Donnerstag, 8. Mai 2014

Abendlauf mit Alpenblick

Das Abendlicht ist stechend, die Luft drückend schwül warm. Die bleischwere Müdigkeit, die den ganzen Tag nicht weichen wollte, macht das Laufen schwerfällig, und in den hinteren Oberschenkeln ist ein dumpfes Ziehen zu spüren. Der krasse Unterschied zum beflügelten unterwegs Sein vom Samstag beim Halbmarathon betrübt mich.

Nach ein paar Kilometern wird die Muskulatur warm, die Spannung löst sich nicht ganz in Luft auf, doch sie nimmt immerhin so weit ab, dass ich wieder Augen habe für die Landschaft. Die Aussicht auf die Alpen ist heute schlichtweg fantastisch, die Bergspitzen scheinen zum Greifen nah. Wir legen unsere Runde so, dass wir das Panorama möglichst lange betrachten können und nehmen dafür ein paar Hügel mehr in Kauf.

Auf den Heimweg kommt ein zaghafter Flow auf, und nach dem Duschen fühle ich mich so fit, wie heute den ganzen Tag noch nicht.


17.1 km lockerer Lauf 5:40 Min./km / Puls 132
+/- 125 hm / 21° schwül warm, starker Westwind
Track http://connect.garmin.com/activity/495583622


Gestern
5.1 km unterwegs mit den lätti runners  6:54 Min./km / Puls 110
+/- 10 hm / 17° schön
Track http://connect.garmin.com/activity/494970991

Dienstag, 6. Mai 2014

Vielseitige Regeneration

Sonntag 4. Mai
Nach einem Lauf macht es durchaus Sinn, die Laufschuhe einen Moment in die Ecke zu stellen und den Bewegungs- und Entdecker-Drang mittels Alternativtraining zu stillen. Sich auf's "Ross" zu schwingen, ist eine Möglichkeit.




Unsere "Stahl-Ross-Tour" lockert die Beine wunderbar von der gestrigen Belastung, und wir schätzen es, dank dem fahrbaren Untersatz zum Ferien-Abschluss einen weiteren etwas längeren Streifzug unternehmen zu können.
Entlang des Sees Lilltannträsk radeln wir zum kleinen, mystischen Urwald von Tuggensele, der seit 70 Jahren sich selbst überlassen und dementsprechend undurchdringlich ist. Von vielen Bäumen hängen dichte Flechten-Bärte.





Am Nachmittag begleite ich unsere Nachbarin auf einen Ausritt. Im Schritt trägt mich Friesen Dame Diva gemütlich über die schmalen Wald-Pfade und zeigt mir auf, wie viel ich in Sachen Körperspannung und Haltung noch lernen könnte, ganz zu schweigen von der faszinierenden nonverbalen Kommunikation mit diesem schönen, klugen Tier.


18.9 km Biketour 20.7 km/h
+/- 100 hm / 2° schön, kühler Nordwind
Track http://connect.garmin.com/activity/492494216

Zurück in der Schweiz wirkt die sommergrüne Landschaft exotisch, und die nun ungewohnte "Hitze" treibt den Puls in die Höhe.



Montag
7.1 km Jogging 5:59 Min./km / Puls 126
+/- 50 hm / 20° schön
Track http://connect.garmin.com/activity/493770166

Dienstag
10.1 km Jogging 5:56 Min./km / Puls 125
+/- 75 hm / 15° schön
Track http://connect.garmin.com/activity/494155606

Samstag, 3. Mai 2014

Vännäs Halvmaraton

Im Gegensatz zu unserer Fjäll-Tour, folgen wir heute der E12 südwärts, um am Halbmarathon in Vännäs teilzunehmen. Der kleine Ort liegt auf einer Landzunge, welche der Fluss Ume älven umfliesst, bevor er auf den Vindelälven trifft, um dann mit diesem vereinigt der 28 Kilometer entfernten Küsten- und Universitätsstadt Umeå entgegen zu strömen. Diesem Richtungswechsel gemäss lautete der Ortsname früher Wendenäs.



Wir finden gut zur Startnummern-Ausgabe, die im Supermarkt untergebracht ist. Wie praktisch! Rechtzeitig vor dem Start lässt sich der knurrende Bauch besänftigen, welcher der Meinung ist, das Frühstück liege gar weit zurück.


Der kleine Anlass lockt 262 Startende. Ausser dem Halbmarathon gibt es einen 1.5 Kilometer langen Kinderlauf, die 4.6 Kilometer Kurzdistanz, oder den Viertelmarathon. Vor jedem Start wird ein professionell geleitetes Aufwärmen angeboten. Bei frischen 5 Grad wird eifrig geturnt.




Auf unserer Aufwärmrunde begegnen wir vor dem Volkshaus der neuesten Sehenswürdigkeit von Vännäs. Die Beschriftung der hübschen Engelfigur wirkt geheimnisvoll und stimmt nachdenklich - "Den tunna isen bär oss inte" (Das dünne Eis trägt uns nicht).



Um 12 Uhr stehen wir im Feld der 130 Halbmarathonläufer (33 Frauen und 97 Männer), das von den blauen Farben des Sportklubs IFK Umeå geprägt wird, und wir hoffen, dass das "dünne Eis" der ultrakurzen Vorbereitung uns gut durch diesen Lauf trage. Die Startpistole funktioniert nicht - es geht trotzdem pünktlich und rasant los.




Der erste Kilometer führt aufwärts, und aus hoher Warte knipst der Fotograf unsere Durchquerung der Bahnunterführung.


Wir verlassen den Ort sehr bald, und werden vom Polizisten, der uns an die Kommissar Wallander Krimis erinnert, sicher über die Hauptstrasse geleitet.



Der Kurs verläuft hoch über dem nur einmal kurz sichtbaren Fluss Ume älven auf einer kaum befahrenen Nebenstrasse. Er windet sich durch stille Wälder und die kleinen Weiler von Norrmalm, Pengfors, Hällfors nach Fällfors. Ab und zu bietet er Aussicht über spärlich vorhandenes Ackerland.





Auf der ersten Streckenhälfte geht es flussaufwärts - es kommen einige Höhenmeter zusammen. Der Nordwind leistet Widerstand, und die grauen Wolken halten nicht lange dicht. Graupel und Schneeflocken wirbeln uns entgegen.


Dennoch "läuft" es überraschend gut. Entsprechend des letzten, hart empfundenen Mitteltrainings hatten wir uns eine knappe 5er Pace vorgenommen. Nun rollen wir mit regelmässigen  4:45 Min./km dahin, der Puls ist gut und bleibt sehr konstant, und der Langlauf-Muskelkater ist verschwunden. Herrlich, mein Lieblings-Laufwetter herrscht - es ist wunderbar kühl und feucht, und ich kann unseren ambitionierten Erlebnis-Lauf durch unser geliebtes Nordschweden geniessen!
Eine Bestzeit ist nach der minimalen Vorbereitung kein Thema. Es geht darum ein gutes Laufgefühl zu finden, Landschafts-Eindrücke zu sammeln, dabei Luft für kurze Unterhaltungen zu haben und einen gut eingeteilten Lauf zu verwirklichen.



Die Viertelmarathon-Läufer sind bereits auf dem Rückweg.


Kurz vor deren Wendemarke überholen wir eine Gruppe von Läufern, die witzeln: "Nun kommen die Kenianer!". Sie hängen sich an unsere Fersen und profitieren auf dem langen schnurgeraden Wald-Korridor von unserem Windschutz.




Im Strom der entgegenkommenden Läufer zähle ich bis zum Wendepunkt hinter den drei Podestplatz-Anwärterinnen nur drei weitere Frauen.


Bevor wir im Weiler Fällfors einen Wende-Halbkreis um den aufgestellten Pylon drehen, werden unsere Startnummern handschriftlich festgehalten.


Ob der Wind nun ein bisschen schiebt? Die Flocken wirbeln uns jetzt zwar von vorne entgegen!? Doch ich fühle mich stark und spüre Kraft in den Beinen, die Schritte sind elastisch, und wir "fliegen" nun regelmässig mit 4:35 Min./km über die langen Geraden durch den herb nach Flechten und Harz duftenden Wald.




Alle 5 Kilometer gibt es eine Möglichkeit zum Auftanken. Vor dem anspruchsvollsten Anstieg, der zwischen Kilometer 18-20 wartet, stärken wir uns mit unseren eigenen Gels.




Meine Kraft reicht vier Wochen nach dem Zürich-Marathon und nur zwei abgespeckten Tempo-Trainings nicht aus, die Pace am steilsten Hügel zu halten. Der 19. Kilometer schlägt mit 5:09 Min./km zu Buche, und zwei unserer Windschatten-Läufer nutzen die Gunst der Stunde zum Überholen.



Zumindest einen Vorteil hat der steile Hügel. Er bietet Aussicht über das Tal des Ume älven, wenn auch das glitzernde Band des Flusses nur ein paar Sekunden zu sehen ist.



Beim 20. Kilometer Schild rechnet Andi aus, dass wir gar eine 1:39er Zeit schaffen könnten, wenn wir die Beine in die Hand nehmen. Die Steigung endet wenige hundert Meter später, ein Funke Ehrgeiz erwacht, und der Endspurt auf der Rampe ins Dorf hinunter gelingt. 


Hand in Hand laufen wir nach 1:39:29 Stunden glücklich und sehr zufrieden ins Ziel.

Wir stärken uns mit Bananen und der traditionellen schwedischen Zielverpflegung Kex choklad. So lange es das kühle Wetter erlaubt, plaudern wir mit unseren Mitläufern und den Kameraden des letztjährigen "Run de Vindelälven".
Ein Sportler mit Ultra-Läufer-Trinkrucksack war uns bereits auf der Anfahrt aufgefallen, da er per pedes auf der E12 auf dem Weg zum Start war. Er erzählt, zusammen mit dem Halbmarathon käme er heute auf etwa 50 Trainingskilometer. Er beginnt von allerhand schönen Trail-Läufen in der Gegend zu schwärmen. Und legt uns die Salomon Trail Tour vom
Tavelsjö nach Umeå, die etwas länger als ein Marathon sein soll, wärmstens ans Herz.





Im Café Ljuslyktan (Laterne) wärmen wir uns auf und geniessen Tribünenaussicht auf die Strecke, sehen die letzten Läufer einlaufen, füllen unsere Energiedepots mit Pfannkuchen bzw. einem heissen Poulet-Sandwich und ziehen Bilanz über unseren Lauf.

Ein Bick in die Rangliste zeigt einmal mehr, dass es schwer ist - besonders direkt nach der Langlauf-Saison - sich mit den Lokalmatadoren anzulegen. Mit einem Schmunzeln nehmen wir zur Kenntnis, dass Andi als mein "Pace-Maker" auf dem zweitletzten Platz der Wettkampfkategorie gelandet ist. Nimmt man auch noch die Hobbysportler dazu, belegt er immerhin Rang 40 von 73. Ja, die Nordschweden sind ein zähes Volk!


Als wir den Heimweg antreten, sind die Schneewolken abgezogen. Wir folgen noch einmal der Halbmarathon-Strecke, machen da und dort eine Pause, um in aller Ruhe übers Land zu blicken und den unvergesslichen Lauf noch einmal Revue passieren zu lassen.





Vännäs Halvmaraton 
21.0975 km 1:39:29 Stunden / 4:42.9 Mi./km / Puls 162
1. Hälfte 49:51 Min. 

2. Hälfte 49:38 Min.
7. von 14 Frauen der  einzigen "Wettkampfkategorie" F23
7. von 33 Frauen (F23 + Motion = "Hobbyläufer")
+/- 90 hm / 5° bedeckt, Schneeschauer bis sonnig, leichter Wind
Track http://connect.garmin.com/activity/491997288