Sonntag, 15. Juli 2012

Jubileums-Marathon Stockholm 1912 - 2012

Als unsere Läuferkollegen Monîca und Alexandre aus Rio de Janeiro fragten, ob wir uns im Sommer beim Jubileums Marathon in Stockholm treffen könnten, war für uns klar, dass wir bei diesem speziellen Lauf anlässlich der 100 Jahrfeier des Stockholm Stadions und der Olympiade von 1912 gerne dabei sein würden. Doch dieser Marathon war seit langem ausgebucht. Unserem Sohn gelang jedoch das Kunststück, zwei Startplätze zu ergattern, als im Januar das Anmeldebüro noch einmal genau für eine Stunde öffnete.

Nach dem Edinburgh Marathon gönnten wir uns knapp drei Wochen Erholung und versuchten darauf, unsere Langstrecken-Ausdauer in weiteren drei Wochen wieder aufzubauen. Vom letzten Montag bis Donnerstag waren wir per Wohnmobil auf der nicht enden wollenden Anreise nach Stockholm. Und ab der ersten Reisestunde plagten mich starke Kopfschmerzen. Über 2‘400 Kilometer Sitzen, geschaukelt Werden und Aufmerksam Sein waren sehr fordernd. Am Morgen vor dem Start war mir übel. Und als ich nach dem Einlaufen zum Stadion das erste Foto schiessen wollte und bemerkte, dass ich keinen Speicher-Chip in der Kamera hatte, da fragte ich mich, ob unser Vorhaben nicht allzu erzwungen sei und mein 20. Marathon unter keinem guten Stern stünde!

Schneller als im geplanten Marathon-Tempo rasten wir über einen Kilometer zurück zum Hotel Birger Jarl, in dem wir für einen Tag eingecheckt hatten, und holten das winzige, fehlende Ding. Dabei fühlte ich mich erstaunlich gut, und wir waren zum Glück rechtzeitig zurück beim Stadion, um direkt vor dem Westportal in unserem Startblock, den zweiten, zu schlüpfen. Wir suchten uns einen Schattenplatz, denn es war mit 19 Grad und leichter Bewölkung recht warm.

Wir wurden in fünf Blöcke zu 2‘500 Teilnehmern eingeteilt, die jeweils acht Minuten vor dem Start ins Stadion geführt wurden. Die Helfer scheuten die  logistische Herausforderung nicht, allen Läufern zu ermöglichen, im Stadion zu starten und die ersten 300 Meter auf der Bahn zu rennen, genauso wie damals bei der Olympiade 1912!

Da standen wir nun also nahe des einen Turmes vor dem berühmten 100 jährigen Stadion. Einem gewaltigen, eindrücklichen Bau aus dunkelroten Ziegelsteinen, der an die mittelalterliche Ring-Stadtmauer von Visby auf Gotland erinnern soll. Das Stadion von Stockholm ist das älteste Olympiastadion, das noch in Gebrauch ist. Und es ist ein sehr berühmtes Pflaster für die Leichtathletik. Ganze 83 Weltrekorde wurden hier aufgestellt, mehr als irgendwo sonst. Für uns hat es eine so besondere Bedeutung, da wir hier 2004 ins Ziel unseres allerersten Marathons liefen.

Langweilig wurde es beim Warten auf den Start nie. Die Tenues der Mitläufer zu studieren war sehr interessant. Viele hatten das grosse, weisse Taschentuch aus dem Startpaket an allen vier Ecken verknotet und trugen es nun als Sonnenschutz, genauso wie die meisten Marathon-Läufer am 30 Grad heissen 14. Juli 1912. Einige trugen  Laufkleidung im Stil von anno dazumal, weisse Baumwoll-Shirts ohne Ärmel mit aufgenähter Landesflagge und dazu Stoffshorts. Andere waren gar in festliche Kostüme aus alten Zeiten gekleidet. Man sah Frauen mit langen Röcken und breitrandigen, federgeschmückten Hüten und Männer in Anzug mit Melone oder karierten Hosen mit Hosenträgern, Hemd und Gilet. Denn es gab auch eine Wertung für das  authentischste nostalgische Kostüm. 

Wir setzten auf moderne Sportkleidung. Um dem Anlass gerecht zu werden, liefen wir in Weiss, und ich startete erstmals in einem kurzen Laufrock zu einem Marathon. An unseren Stoff-Startnummern mit den riesigen, verschnörkelten Ziffern war ein ultramoderner flacher Chip befestigt.

Endlich wurde die erste Gruppe unter tosendem Applaus ins Stadion geführt, und wir durften bis zum Portal vorrücken, so dass wir bereits einen Blick in die Arena werfen konnten. 
Die königliche Tribüne war mit Südafrikas Flagge geschmückt, da der Sieger von 1912, Kennedy Kane Mc Arthur aus diesem Land gekommen war. An den Türmen flatterten die riesigen Fahnen Schwedens bzw. Stockholms mit dem Portrait des Stadtgründers Birger Jarl, und rund ums Tribünendach viele Nationalflaggen in einer recht starken Brise. Ein Blasorchester spielte passende Musik, und auf dem Rasen machten sich die Schützen der Svea Leibgarde in 100 jährigen Uniformen bereit, den  Startschuss abzugeben. Dazu stopften sie ihre alten Vorderlader mit Schwarzpulver und Papierpatronen. Pünktlich um 13:48 Uhr, zu haargenau derselben Zeit wie 1912, liessen die gewaltigen Schüsse das Stadion erzittern, und die erste Gruppe wurde auf die nostalgische Reise geschickt.

In der Spitzengruppe dabei war Anders Szalkai, ein ehemaliger schwedischer Spitzenläufer und heute Trainingsplan-Schreiber von Runner’s World Schweden. Er trug ein grünes Lauftrikot, genauso wie damals der spätere Sieger Mc Arthur, denn er machte sich auf, genau dessen Rennen und spätere Siegerzeit von 2:36:54 über 40.075 Kilometer zu laufen. Ein weiterer schwedischer Athlet mimte Sigge Jacobsson, der damals als erster Schwede und Europäer mit 2:43:24 auf den 6. Platz gekommen war.

Nach wenigen Minuten war der erste Läufertatzelwurm aus dem Stadion verschwunden. Und wir durften auf der federnden Tartanbahn bis zum Startbogen bei der königlichen Tribüne vorrücken. Das war ein sehr berührender Moment. Erinnerungen an unseren allerersten Zieleinlauf kamen hoch, und der Jubel des zum Teil ebenfalls kostümierten Publikums war einfach bewegend. Da spielte es keine Rolle, dass heute die Königsfamilie fehlte, da sie auf Öland weilte, um dort traditionell den Geburtstag von Kronprinzessin Viktoria zu feiern.

Jetzt konnten wir aus nächster Nähe beobachten, wie die Gardisten ihre antiken Waffen erneut bereitmachten, und um 13:58 Uhr donnerte unser Startschuss. Das  Publikum feierte uns bereits auf den ersten Metern wie Sieger. Viel zu schnell war diese genussvolle ¾ Stadion-Runde vorbei, und durchs Haupttor liefen wir auf Stockholms längste Strasse, den Vallhallavägen hinaus. Auch dort standen die Zuschauer mehrreihig. Fahnen wurden geschwenkt und ihre Begeisterung war sehr ansteckend. Meine Kopfschmerzen und die Übelkeit waren wie weggeblasen, und wir liessen uns vom Läuferstrom mitziehen.

Die Strecke war im Programm als hart und mit einigen happigen Anstiegen versehen  beschrieben worden. Und wir hatten uns vorgenommen, eine Pace von 5:27 bis 5:33 Min./km zu laufen. Sogleich folgte der erste Hügel zur Technischen Hochschule hoch, einem ebenfalls wunderschönen Ziegelbau, und bald darauf stoppten wir den ersten Kilometer mit 5:29 Min./km. Wo es raufgeht, geht es bald auch runter, und die nächste Zwischenzeit war nur noch 5:05 Min./km. Wie sollten wir auf diesem Kurs mit einem Höhenprofil à la EKG-Kurve einen vernünftigen Rhythmus finden? 

Auf die EKG genaue Messung der Herzfrequenz meiner Polar-Uhr konnte ich mich diesmal nicht verlassen. Sie verweigerte mir bei diesem Nostalgie-Lauf einen fehlerfreien Dienst, wohl da es vor 100 Jahren noch keine Pulsmesser gegeben hatte? Andis Garmin meldete aber tiefe Werte, und so entschieden wir uns, es einfach nach Gefühl rollen zu lassen.

Obwohl wir in einer Grossstadt gestartet waren, gelangten wir erstaunlicherweise bereits auf dem zweiten Kilometer in einen schattigen Wald. Schnell wechselte die Umgebung. Es ging entlang einer Eisenbahnlinie, und vorbei an den Schrebergärten von Söderbrunn. Jedes einzelne der Gartenhäuschen war eine gepflegte Miniaturausgabe der wunderschönen, farbenfrohen schwedischen Holzhäuser mit den weissen Fensterrahmen. Darauf liefen wir auf dem Radweg neben der mehrspurigen Autobahn E4 und erreichten das gewaltige Reichsmuseum, einen weiteren beeindruckenden Ziegelsteinbau.

Flach war die Strecke gar nie. Doch obwohl ich das Gefühl hatte, keinen Rhythmus zu finden, lief es eigentlich gut. Nur das Zwicken um mein rechtes Hüftgelenk beunruhigte mich. Schmerzen schon auf den ersten fünf Kilometern?

Im Zentrum von Solna wurde für die Zuschauer ein Fest organisiert. Da gab es Imbissbuden, Hüpfburgen für die Kleinen und zum Jubiläums-Lauf passende Musik für uns alle. Wir freuten uns über das bunte Treiben und den gewaltigen Zuspruch, während wir auf der recht schmalen, von schattenspendenden Platanen gesäumten Quartierstrasse durch diese Vorstadt rannten. Immerhin konnten wir auf Asphalt laufen und mussten nicht wie die Athleten vor hundert Jahren auf staubigen Naturstrassen rennen, welche immerhin vor dem Anlass von den grössten Steinen befreit und mit Wasser besprüht worden waren.

Kurz darauf waren wir wieder im Wald, es folgte ein happiger, sehr steiler Anstieg von 25 Höhenmetern am Stück. Und noch viel schneller waren wir wieder auf Meereshöhe unterwegs. Es ging entlang einer weiteren bunten Gartenhaussiedlung und saftigen Schafweiden. Und plötzlich waren wir erneut an der stark befahrenen E4, grösser hätten die Gegensätze nicht sein können! Aber diese machten den Lauf spannend. 

Wie so oft nach sieben Kilometern verebbten meine Anlauf-Beschwerden und Andi meinte, er fühle sich deutlich besser, als auf den ersten 10 Kilometern des Edinburgh Marathons.
Wir hatten genug Energie uns zu unterhalten und die Kostüme der anderen Läufer zu studieren. Je nach Garderobe waren ganz spezielle Laufstile nötig. Mit einem langen Rock ist es eindeutig nicht leicht zu rennen, doch es hatten sich nicht nur Frauen mit solchen Roben gekleidet!

Immer wieder wurde nostalgische Musik geboten. Kurz vor Kilometer 10 stand ein Drehorgelspieler samt Polizist in hundertjähriger Uniform.

Wir erreichten Sollentuna, auf dessen Gebiet die Hälfte der Strecke zurückgelegt wurde und sich auch der Wendepunkt befand. Beim beliebten Restaurant Lillstugan war viel los, denn alle kostümierten Zuschauer konnten hier für nur eine Krone (ca. 13 Rappen) Kaffee und Zimtschnecken geniessen. Es gab einen roten Oldtimer zu bewundern und Texas-Swing-Musik zu hören, welche uns für die nächsten Kilometer beschwingte.

Es folgte ein langer Anstieg über drei Kilometer, und Andi entschied sich, hier „in die Büsche“ zu gehen. Da ihm Bergaufstrecken leichter fallen als mir, hoffte er, mich  leicht wieder einholen zu können. Ich fürchtete schon, wir hätten einander verloren, weil auf diesem Streckenabschnitt so viel los war. Doch nach 1.5 km war er wieder da.

Bis dahin waren wir etwa alle drei Kilometer mit Wasser, Sportgetränken und Wannen zum Eintauchen von Schwämmen und Mützen versorgt worden. Die Olympioniken hatten 1912 bis Kilometer 11 auf die erste Erfrischung warten müssen. Präzis wie damals wurde uns an dieser Stelle eine nostalgische Verpflegungsstation geboten. Wasser, Eistee und Kaffee wurde an Marktständen mit rot-weissen Stoffdächern ausgeschenkt, es gab Zitronen und Orangenschnitze, und die Funktionäre waren gekleidet wie anno dazumal. Vorerst begnügte ich mich mit dem Betrachten dieser schönen Auslagen, die eigene Verpflegung reichte noch für ein paar Kilometer.

Es gab keinen Kilometer ohne Publikum. Viele hatten es sich auf Wiesen am Strassenrand bei einem Picknick bequem gemacht. Und ich weiss nicht, wie viele hundert Kinder-Hände ich abgeklatscht habe. Beim Bahnhof von Sollentuna wurden wir besonders umjubelt. Hier standen die Leute wieder mehrreihig und Fahnen wurden geschwenkt. Der Publikumsauflauf war wohl besonders dicht, weil bald die Spitzenläufer erwartet wurden. Tatsächlich kamen uns bald ein Polizei-Motorrad und die ersten schnellen Athleten entgegen. An zweiter Stelle lief der ehemalige Jungfrau-Marathon-Sieger Hermann Achmüller, welcher später den Lauf über die nostalgische Distanz für sich entscheiden sollte.

Beim Edsbacka Wärdshus war eine zweite Verpflegungsstelle im alten Stil eingerichtet worden. Hier applaudierten uns Zuschauer in Frack und Zylinder oder eleganten Spitzenkleidern samt  Hut und Sonnenschirm, der heute eher als Regenschirm diente, denn es hatte leicht und erfrischend zu tröpfeln begonnen. Ein Frauenchor gab ein altes, schwedisches Sommerlied zum Besten, und die Sängerinnen waren ebenfalls alle traditionell gekleidet.

Immer dichter wurde der Strom der entgegenkommenden Läufer aus dem ersten Startblock. Auf schmaleren Wegen wurde es richtig eng und sehr schwierig zum Überholen.
Bald war die Kirchturmspitze der Sollentuna Kyrka zu sehen, deren älteste Teile aus dem 12. Jahrhundert stammen. Vor wenigen Tagen war der Gedenkstein zu Ehren der Olympiade von 1912 um wenige Meter auf einen kleinen Rasenplatz vor der Kirche versetzt worden, um uns einen würdigen Wendepunkt zu bescheren. 

Während wir das Denkmal in Form einer dorischen Säule umrundeten, beflügelte uns der begeisterte Zuspruch von unglaublich vielen Zuschauern. Ja die Schweden wissen, wie man Feste gebührend feiert!

Mit Gänsehaut-Feeling machten wir uns auf den Rückweg zum Stadion. Wir fühlten uns sehr gut und liessen es einfach nach Gefühl etwa mit konstanter Anstrengung  rollen. Irgendeine bestimmte Pace anzustreben war unmöglich. Bis dahin hatten wir auf dem welligen Kurs sehr unterschiedliche Kilometerzeiten zwischen 6:20 bis 4:57 Min./km gemessen. Eine Halbmarathon-Marke gab es in diesem historischen Lauf nicht. Wir stoppten von Hand 1:52:07 (5:19 Min./km).
Die Wendestrecke gab uns Gelegenheit, alle Attraktionen am Weg noch einmal zu geniessen. 

Und nun kosteten wir an einer historischen Verpflegungsstelle auch von den angebotenen Orangenschnitzen. Davon kriegen wir aber beide ein komisches Gefühl im Magen. Ansonsten versorgten mich drei verdünnte Winforce Ultra Energy-Gels sehr gut, während Andi das Gefühl hatte, das in Edinburgh gekaufte High-5-Gel liefere ihm zu wenig Energie.

Der Rückweg erschien uns anspruchsvoll. Es brauchte an engen Stellen viel Konzentration beim Laufen mit Gegenverkehr, wir mussten uns gegen den Wind stemmen, und die Hügel schienen steiler zu sein als auf dem Hinweg. Viele Läufer legten bergauf nun Gehpausen ein.

Obwohl es immer wieder tröpfelte und sich der Himmel mit dunklen Wolken bezog, blieb es mit 19 Grad recht warm. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, mich zu  erfrischen. In regemlässigen Abständen waren Strassenputzfahrzeuge aufgestellt, deren Spritzdüsen zu Duschen umfunktioniert worden waren. Und ein paar  Anwohner hatten gar ihre Rasensprenger am Strassenrand installiert.

Ab dem Bahnhof Sollentuna hatten wir nach 26 zurückgelegten Kilometern wieder mehr Platz zum Laufen. Wir brauchten nicht mehr so viel Konzentration, uns einen Weg zu bahnen. Plötzlich wurde Müdigkeit spürbar und wir begannen die Kilometer zu zählen.  
Zum Glück hatten wir mit der antiken Marathon-Marke von 40.075 Kilometern ein leichter erreichbares, näheres Zwischenziel. Noch einmal genossen wir das quirlige Stadtfest in Solna und eine drei Kilometer lange Strecke mit sanftem Gefälle. Dann zogen sich die Kilometer in bewaldeter Umgebung in die Länge. Hier hatte es nicht mehr viele Zuschauer. Nur noch selten munterte uns ein „Heja“ auf oder wurden leidende Läufer mit: „Kom igen – los oder hopp“ angefeuert.

Bei Kilometer 36 sah ich jenseits der Autobahn das Schild „Välkommen till Stockholm“. Dieser Willkommensgruss tat richtig gut. Andi’s Energiemangel wurde jedoch ernster und er immer wortkarger. Doch wir konnten unser Tempo halten und bewältigten auch den letzten happigen Anstieg auf dem 39. Kilometer ohne grossen Geschwindigkeitsverlust. Nun war aus dem Stadion bereits der Speaker zu hören. Nachdem der Abschnitt auf dem schnurgeraden Vallhallavägen bewältigt war, konnten wir durchs Hauptportal in die feierliche Atmosphäre im Stadion eintauchen.

Man hatte die freie Wahl auf der Bahn rechts herum direkt ins nostalgische Ziel zu laufen, oder links herum auf der Aussenbahn zu einer Zusatzschlaufe abzubiegen. Wir wählten die längere Variante, nahmen ein bisschen Vorschuss-Applaus und Gänsehautfeeling mit auf den Weg, passierten nach 3:32:56 die antike Marathonmarke von 40.075 Kilometer und verliessen beim folgenden Portal die Arena wieder.

Hinter dem Stadion ging ein schmaler Weg in den anderen über. Absperrbänder trennten uns von den entgegenkommenden Läufern, während wir vom Drottning Sofias väg hinunter auf den Fiskartorpsvägen und noch weiter hügelabwärts zum Gasverksvägen liefen. Die entgegenkommenden Läufer sahen mehrheitlich sehr abgekämpft aus, auf ihrem Rückweg hoch zum Stadion. 


Das abwärts Rennen schmerzte, endlich entdeckten wir den ersehnten Wendepunkt und konnten uns ebenfalls auf den Aufstieg machen. Dabei wurden wir von vereinzelten Zuschauern lautstark motiviert. Mit: „Inte långt kvar, det är sista biten, bra jobbat – es ist nicht mehr weit, das ist das letzte Stück, gut gemacht” versuchten sie uns aufzumuntern, und dennoch schien dieser letzte Kilometer endlos. Auch ein Erlebnis-Marathon ist ein Marathon und damit ein forderndes Abenteuer!

Endlich war es so weit. Diesmal durften wir durch Sofias Portal auf die Innenbahn des Stadions laufen. Bald folgte das ersehnte 42 Kilometer Schild, und nun wünschten wir uns fast, die Zeit würde stehen bleiben. Nur noch zweihundert Meter Gelegenheit, diesen so einmaligen Zieleinlauf und das überaus festliche und fröhliche Willkommen, welches uns das Publikum bereitete, zu geniessen. Trotzdem zogen wir einen Endspurt an und liefen vor der königlichen Tribüne jubelnd Hand in Hand nach 3:43:56 ins Ziel. Fast so gerührt, wie bei unserem ersten Marathon vor acht Jahren, doch mindestens so dankbar, dass es wieder so gut geklappt hatte. 
Wir liessen uns die wunderschönen Medaillen um den Hals hängen, und wenige Meter später mussten wir uns entscheiden, ob wir wie die Läufer vor 100 Jahren mit einem Glas Sekt auf den Lauf anstossen wollten. An einem weiteren Tisch wurde  alkoholfreier Champagner angeboten, und wir wählten diese vernünftigere Variante. Mit den schlanken Plastikgläsern in der Hand blieben wir noch eine Weile im Zielraum stehen und genossen den Gefühls-Sturm von Freude, Erleichterung, Glück und Dankbarkeit. 

Doch dann liessen wir uns mit dem Finisher-Strom mitziehen. Im Ausgangsgewölbe kriegen wir eine Flasche Wasser, Bananen oder Orangen. Dann ging’s eine Treppe hinunter auf den Kunstrasen-Fussballplatz Östermalms Idrottsplats. Diesmal war die Treppe eindeutig besser zu bewältigen als nach unserem ersten Stockholm Marathon, obwohl wir damals 20 Minuten länger unterwegs gewesen waren!

Genauso wie auf der ganzen Strecke wurden wir auf dem Sportplatz bestens versorgt. Bei der Finisher-Shirt Ausgabe mussten wir nicht anstehen und dahinter bekamen wir einen ausserordentlich reich gefüllten Gabenbeutel. Wir fanden darin eine Banane, Mandeln, Kexchoklad (DIE schwedische Schokoladenwaffel), Maxim Regenerationsdrink samt Energieriegel und eine Büchse Cola. Andi hatte jedoch den Kaffeestand entdeckt, an dem es auch Kanelbullar, die typischen schwedischen Zimtschnecken gab. Eine kurze Weile machten wir es uns mit diesen Energiespendern auf dem Rasenplatz gemütlich. 

Da wir vor dem Start hier keine Kleider zum Wechseln abgegeben hatten, wurde uns schnell kühl, und wir spazierten mit erstaunlich wenig schmerzenden Beinen zurück zum Hotel.

Nach einer erfrischenden Dusche war es bereits Zeit zum Nachtessen, und wir fanden nur wenige Schritte vom Hotel entfernt ein stilvolles, italienisches Restaurant „Den Gamle och Havet – der alte Mann und das Meer“, in dem wir unsere leeren Energiespeicher mit feinen Pasta wieder auffüllen und mit einem schwedischen Lättöl (kaum alkoholhaltigem Bier) noch einmal auf dieses geglückte Doppel-Jubiläum anstossen konnten.

Die offizielle Feier folgte  am Sonntag. Läufer, Begleiter und andere Interessierte waren zum grossen Stadionfest eingeladen. Beim Eingang wurde der grosse Besucherstrom speditiv mit einem Paket Pasta- bzw. Lachs-Salat samt Brötchen, Butter, einer Frucht, einem Glas alkoholfreiem Champagner und Wasser versorgt. Damit konnte man es sich entweder auf den Tribünen oder vor der Bühne samt Riesenbildschirm an Stehtischen bequem machen. Erneut ging es sehr festlich zu und her. Sehr viele Besucher hatten sich mit hundertjähriger Mode gekleidet. Genauso wie am Marathontag trugen alle Funktionäre weisse Polohemden und Strohhüte, und viele Läufer kauften sich nun auch eine solche nostalgische Kopfbedeckung als Andenken.

Zweieinhalb Stunden lang gab es ein buntes Nebeneinander von Alt und Neu zu bewundern. Zu Stummfilm-Musik rannten die Athleten von 1912, wie in uralten Filmen typisch, zu schnell über den grossen Bildschirm. Und wir freuten uns über eine lange Aufzeichnung des Jubileums Marathons. Die schnellste Stockholmer Läuferin und der schnellste Läufer wurden geehrt. Und wir wurden mit viel Live-Musik und einer Modeschau unterhalten.

Die 15 am besten nostalgisch gekleideten Läufer durften auf die Bühne. Den Hauptpreis gewann eine Amerikanerin, welche sich als ihr eigener Ururgrossvater verkleidet hatte, welcher 1912 auf den 16. Rang gelaufen war. Bei den Männern erhielt ein Läufer, der sich einen gezwirbelten Schnurrbart hatte wachsen lassen und in authentischem schwedischen Sportdress von anno dazumal gelaufen war ein Miniatur-Gold-Olympia-Medaille. Eine als Zimmermädchen gekleidete Dame und ein Herr in hundertjähriger Golfer-Ausrüstung kamen auf Platz drei und vier.

Wir tauschten mit Monîca und Alexandre unsere eigenen Marathon-Erlebnisse des Vortages aus und machten Pläne, wo wir uns das nächste Mal treffen könnten. Ob wir jemals nach Brasilien reisen werden, um dort mit ihnen den Halbmarathon bei den berühmten Wasserfällen von Cataratas zu laufen oder sie wirklich einmal am Jungfrau-Marathon teilnehmen werden? Als zum Schluss des Festes die Einladung „Welcome back in 2112“ über den Bildschirm flimmerte, nahmen wir wehmütig Abschied voneinander und von diesem wirklich einmaligen, aussergewöhnlichen, so gelungenen und feierlichen Marathon-Event.

Jubileums-Marathon Stockholm, 3:43:56 / 5:18 Min./km / 
Puls ca. 148 / +/- 335 Höhenmeter / 19°  
1. Halbmarathon 1:52:07 
2. Halbmarathon 1:51:49

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